Kurz vor der Dämmerung

Eine autobiographische Kurzgeschichte von Nikola Lysander - erschienen am 29.06.2025

 Triggerwarnung:

Das folgende Kapitel sowie der weitere Text beinhalten eindrückliche und detaillierte Schilderungen psychischer Belastung, emotionaler Erschöpfung, depressiver Zustände sowie suizidaler Gedanken. Themen wie Mobbing, Burnout, Isolation, psychosomatische Beschwerden, existenzielle Verzweiflung und das Ringen um persönliche Würde und Lebenssinn werden in einer sehr intensiven, teils verstörenden literarischen Tiefe beschrieben.

Für Menschen mit eigenen Erfahrungen in diesen Bereichen oder in akuten psychischen Krisen kann die Lektüre belastend oder retraumatisierend wirken.

Bitte achte gut auf dich. Lies nur weiter, wenn du dich emotional stabil genug fühlst. Solltest du dich durch den Text überfordert oder gefährdet fühlen, suche bitte Unterstützung – bei vertrauten Menschen, psychotherapeutischen Fachstellen oder Hilfsdiensten wie telefonischen Krisenhotlines. 

Du bist nicht allein. Dein Leben zählt. 

Kapitel 1: Meine letzten Tage im Büro

Die Felder lagen still im ersten Licht des Tages. Ein dünner Nebel hing über den feuchten Wiesen, während die Sonne zögernd über den Hügeln am Horizont aufstieg. In der Ferne erhoben sich die Umrisse der Frankfurter Skyline, winzig und unwirklich, als gehörten sie zu einer anderen Welt. Hier draußen im Umland war alles ruhig. Nur das Singen eines einzelnen Vogels durchbrach für einen Moment die Stille, verstummte dann aber wieder.

Ich legte meinen Kopf auf den Esstisch und starrte ins Nichts. Das Holz des Tisches fühlte sich kühl an meiner Stirn an. Ich hatte in dieser Nacht kaum geschlafen. Unter meinen Augen lastete bleischwere Müdigkeit, doch mein Kopf war hellwach – voll von kreisenden Gedanken, noch ehe der Tag richtig begonnen hatte.

Es war ein Dienstagmorgen im späten März, und ich hätte längst auf dem Weg ins Büro sein sollen. Stattdessen saß ich hier, mit brennenden Augen und einem flauen Gefühl im Magen. Jede Faser meines Körpers schrie nach Ruhe, doch die Arbeit rief. Pflichten riefen. Ich schloss kurz die Lider, atmete langsam ein und aus, so wie ich es irgendwo einmal gelesen hatte: tief in den Bauch atmen, um die Unruhe zu vertreiben.

Draußen tanzten die Nebelschwaden über den Feldern. Ein schöner, friedlicher Anblick – als befände ich mich in einem Gemälde. Doch in meinem Inneren tobte längst ein Sturm. Seit Wochen spürte ich ihn heraufziehen: erst als leises Unbehagen, dann als stetig wachsende Anspannung. Jetzt wütete er, ein Orkan aus Sorgen und Erschöpfung, der mich am Schlafen hinderte und jeden Morgen mit neuen Böen von Angst weckte.

Ich rieb mir über das Gesicht. Noch ein Tag. Irgendwie würde ich auch diesen Tag überstehen. Mit dieser fatalistischen Zuversicht wandte ich mich vom Tisch ab, zog mir mechanisch das Jackett über, das über der Stuhllehne hing, und griff nach meiner Aktentasche. Der Duft von kaltem Tee stieg aus einer vergessenen Tasse auf dem Tisch auf. Mein Magen rebellierte bei dem Gedanken, etwas hinunterzuwürgen. Frühstück würde ich auslassen – wieder einmal. Dafür war keine Zeit, und Appetit verspürte ich ohnehin nicht.

Kaum hatte ich die Haustür hinter mir ins Schloss gezogen, umfing mich die frische Morgenluft. Ich fröstelte leicht. Der Nebel war dichter, als es von drinnen gewirkt hatte. Feuchte Kühle legte sich auf meine Wangen. Auf dem Weg knirschten meine Schritte. In der Ferne hörte ich einen Hahn krähen, als wollte er mich verspotten – wach war ich ja längst.

Mein Wagen parkte schief auf dem kleinen Vorplatz vor dem Haus. Ich stieg ein, warf die Tasche auf den Beifahrersitz und startete den Motor – vor wenigen Wochen wäre ich die wenigen hundert Meter zum Büro noch gelaufen, aber nun fehlte mir die Kraft. Das Radio schaltete sich automatisch ein und spuckte laute Stimmen aus. Irgendein Politiker sprach von Krisenbewältigung. Ich schaltete genervt ab, noch bevor ich den Inhalt richtig erfasste. In meinem Kopf herrschte genug Krise – da brauchte ich nicht auch noch die der Welt.

Während ich aus der Straße hinausfuhr, konnte ich kaum mehr als ein paar Meter weit sehen. Die Felder links der Straße waren vom Nebel eingehüllt. Schemenhaft zogen die Silhouetten vereinzelter Häuser vorbei. Normalerweise genoss ich diesen morgendlichen Weg durch die Welt. Er war ein kurzer Frieden zwischen dem Chaos des Zuhauses – das inzwischen ebenso von Arbeit durchdrungen war – und dem Chaos des Büros. Ein paar Minuten nur für mich, allein mit meinen Gedanken, eingehüllt in der vertrauten Landschaft.

Doch heute kreisten meine Gedanken nicht friedlich. Sie jagten einander, stachen zu wie aufgescheuchte Wespen. Hatte ich die Unterlagen für die Gespräche eingepackt? Waren die Verträge fertig? Bestimmt würde Markus, mein Kollege, wieder etwas finden, worüber er sich bei mir beschweren konnte. Er fand immer etwas. Ein falsch gesetztes Wort reichte, um mir vor versammelter Mannschaft Arroganz oder Inkompetenz – je nach Laune – vorzuwerfen. Einmal so, einmal so. Ich spürte, wie meine Hände am Lenkrad feucht wurden, als ich an die anstehende Besprechung dachte. Einmal im Monat, um neun Uhr, fand ein Meeting der Führungskräfte statt, und ich würde heute das erste Mal daran teilnehmen. Ich parkte mein Auto und nahm das Diensthandy zur Hand.

Die halbe Nacht hatte ich darüber nachgedacht, wie ich meinem Vorgesetzten Marius erklären könnte, dass ich am Ende meiner Kräfte bin und den Rest der Woche Urlaub nehmen möchte. Endlich hatte ich eine Idee gehabt und begonnen, die E-Mail zu schreiben – aber dann flackerte mein Handy auf. Marius kam mir zuvor: Ich wurde zu einem Gespräch um 13 Uhr vorgeladen. Mir lief es heiß und kalt den Rücken hinunter. Was war nun schon wieder passiert? Gab es Beschwerden von Klienten? Hatte ich bei der Abrechnung einen Fehler gemacht? Auf meine Rückfrage erhielt ich nur ein trockenes: „Das klären wir, wenn du hier bist.“ Mein Magen verkrampfte sich erneut, und Panik stieg in mir auf. Was zum Teufel war hier nur los?

Das Meeting konnte ich nur halb verfolgen – in meinem Kopf war ich die ganze Zeit bei dem Termin mit Marius. Meine Gedanken kreisten und kreisten. Ich respektiere meinen Vorgesetzten und schätze seine Meinung sehr. Aber mich zu einem Termin zu laden, ohne auch nur eine kleine Information zu geben, warum – das war grausam. Als die Kollegen ihre Akten wieder zusammengepackt hatten und der Konferenzraum leer war, ging auch ich zurück in mein Büro. Vor einem Jahr hatte ich alles darauf gesetzt, in diese Position, in diese Abteilung zu kommen – aber mein Traum wurde vom Albtraum befallen.

Aus einem inneren Impuls heraus begann ich, meine Sachen zu packen – Fotos, Pflanzen, meine Deko und meine Bücher. Irgendwie war mir klar, dass ich nie wieder hierher zurückkommen würde. Dass ich es nicht mehr ertrug, diese Stelle auszufüllen. Ich spürte: Das würde mein letzter Tag sein. Als mich eine junge Kollegin darauf ansprach antworte ich mit Tränen in den Augen:"Ich bin fertig - ich kann das nicht mehr!"

Dann war es so weit. Es war 13:20 Uhr, ich saß vor dem Büro von Marius und wartete darauf, dass der Termin begann. Durch die nur angelehnte Tür hörte ich seine Stimme im Flur. Er lachte und unterhielt sich ausgelassen mit einer Kollegin aus der anderen Abteilung. Doch als er mich sah, veränderte sich etwas in seinem Blick – kaum merklich, aber spürbar. Seine Miene verhärtete sich, seine Stimme verlor den leichten Ton. Er beendete das Gespräch knapp und ging, ohne mich groß zu beachten, an mir vorbei ins Büro. „Komm rein“, sagte er im Vorübergehen, tonlos und nüchtern.

Ich erhob mich langsam. Mit jedem Schritt, den ich auf die Tür zuging, wurde mir übler. Ein Knoten lag in meinem Magen, meine Beine fühlten sich schwer an. Was würde mich hier und jetzt erwarten?

Dann begann er zu berichten. Markus und Vera hatten am Vortag einen Termin bei ihm – sie warfen mir Mobbing vor. Ich hätte, so ihre Darstellung, mit der Absicht, sie öffentlich bloßzustellen, ein Teamevent mit einem externen Berater organisiert und durchgeführt. Während dieses Treffens seien verschiedene Themen angesprochen worden, unter anderem auch, dass Markus und Vera eine gewisse Form von Macht in der Abteilung ausübten.

Vera – die am Event gar nicht teilgenommen hatte – fühlte sich dennoch persönlich angegriffen. Und Markus berichtete, der Berater habe Vera und Ihn bloßgestellt und sei Übergriffig gewesen. Meine Hände begannen zu zittern. Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein.

Anstatt das Gespräch zunächst mit mir zu suchen oder mir ihre Kritik direkt mitzuteilen, waren sie ohne Vorwarnung zu meinem Vorgesetzten gegangen. Ich – der nicht einmal die Themen für das Teamevent selbst festgelegt hatte, sondern lediglich die Wünsche des Teams weitergegeben hatte – sollte nun für alles verantwortlich gemacht werden? Für das, was andere gesagt hatten, für das, was andere empfunden hatten?

Bin ich wirklich ein so schlechter Mensch, dass man Angst davor haben muss, Kritik zu äußern? Ich zerreiße mich seit Wochen, seit Monaten, in dem verzweifelten Versuch, allen gerecht zu werden – den Kolleginnen und Kollegen, den Klientinnen und Klienten – und verliere mich dabei vollständig selbst aus den Augen. Und jetzt soll ich der Schuldige sein, weil unangenehme Themen zur Sprache kamen?

Ich war fassungslos. In diesem Moment zerbrach etwas in mir. Etwas starb – Vertrauen, Energie, vielleicht Hoffnung. Und innerlich verabschiedete ich mich.

Marius sagte noch etwas, stellte Fragen, versuchte offenbar, das Gespräch weiterzuführen – aber ich war nicht mehr da. Nur körperlich anwesend, geistig abwesend.

Schließlich fand ich doch Worte. Ruhig, aber mit hörbar bebender Stimme, sagte ich: „Marius, ich kann nicht mehr. Hättest du dich nicht gemeldet, hätte ich es getan. Ich werde jetzt den Rest der Woche meine Überstunden abbauen. Am Montag brauche ich eine Lösung.“

Dann brach etwas aus mir heraus, das sich über Wochen angestaut hatte. Ich begann, ihm alles zu schildern – in allen Einzelheiten. Wie es mir seit Wochen geht. Womit ich kämpfe. Wie ich mich zwischen Anforderungen und Erwartungen aufreibe. Wie das Teamevent zustande gekommen war, wie ich lediglich die Wünsche des Teams weitergegeben hatte, ohne eigene Agenda, ohne irgendeine versteckte Absicht. Ich erklärte, wie sehr ich mich bemüht hatte, alles so zu gestalten, dass es der Gruppe dient. Und doch stand ich jetzt da – als Schuldiger.

Während ich sprach, füllten sich meine Augen mit Tränen. Schließlich konnte ich sie nicht mehr zurückhalten. Ich begann zu weinen – nicht laut, nicht dramatisch, sondern leise, erschöpft, zutiefst verzweifelt. Ich war am Ende meiner Kräfte. Da war nichts Heroisches mehr. Nur noch das Eingeständnis eines innerlich Ausgebrannten.

Marius schwieg eine Weile. Und in diesem Schweigen lag nicht Ablehnung, sondern etwas anderes – vielleicht Erschrecken, vielleicht Mitgefühl. Ich sah, dass ihn meine Worte, das erste Mal richtig erreichten. Dass er zum ersten Mal wirklich begriff, in welchem Zustand ich war.

Er sah mich lange an, sagte zunächst nichts, dann nickte er – langsam, mit sichtlich mehr Verständnis. Für einen Moment war er wieder der Marius, den ich einmal kannte. Ruhig erklärte er, dass er mit den anderen Mitarbeitenden der Abteilung sprechen werde. Er wolle sich ein umfassenderes Bild verschaffen – über meinen Führungsstil, mein Verhalten und das, was beim Teamevent tatsächlich geschehen war.

Ich hörte ihm zu, sagte aber nichts mehr dazu. Als das Gespräch zu Ende war, stand ich auf, sah ihn noch einmal an und verabschiedete mich mit den Worten: „Bis Montag, Marius. Mein Diensthandy und der Laptop liegen im Büro.“ Dann nahm ich meine Sachen, verließ das Gebäude – und ging.

Ich setzte mich ins Auto. Wie lange ich dort gesessen habe, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nicht einmal mehr daran, wie ich nach Hause gekommen bin. Es ist, als wäre ich gefahren, ohne wirklich anwesend gewesen zu sein. Alles war wie in Watte gepackt, unwirklich, verschleiert.

Plötzlich lag ich auf meiner Couch. Tränen liefen mir über das Gesicht, ich spürte sie kaum. In mir herrschte eine Leere, die sich anfühlte wie ein bodenloser Abgrund. Keine Gedanken mehr, nur noch Erschöpfung und eine tiefe Verzweiflung, die sich über alles gelegt hatte – lautlos, schwer und endgültig.

Dann traf ich die letzte bewusste Entscheidung dieses Tages: Ich griff zum Telefon und rief bei meinem Hausarzt an. Mit heiserer Stimme vereinbarte ich einen Termin für Montagnachmittag. Es war kein großer Schritt – kein Aufbruch, kein mutiger Akt. Aber es war ein erster Versuch, nicht weiter in der Dunkelheit zu versinken. Ein leises Zeichen an mich selbst: Ich will nicht weiter untergehen.
Dann kam der Montag. Es war kurz vor acht Uhr, und ich saß wieder vor diesem Büro. Alles wirkte fremd und doch verstörend vertraut. Mein Magen war verkrampft, als hätte ich Steine verschluckt. Die Luft schien schwerer als sonst, der Flur länger, die Stille lauter.

Vor der Tür empfingen mich Thomas vom Personalrat und Herr Meier, der Leiter der Personalabteilung. Ihre Mienen waren professionell, aber nicht kalt – ein Hauch von Bedauern lag in ihren Blicken, vielleicht auch von Unsicherheit. Wir klärten die Eckpunkte sachlich, beinahe routiniert: dass ich am Nachmittag meinen Hausarzt aufsuchen würde. Dass ich meine Führungsposition niederlege und der Abteilung dies offen Kommuniziert werden darf. Dass ich dieses Gebäude nie wieder betreten möchte. Und dass ich mir eine neue berufliche Perspektive suchen werde. Ich bat um ein ehrliches, faires Arbeitszeugnis – keine Floskeln, kein künstlicher Glanz.

Dann verließ ich das Büro. Ich ging nicht, ich floh nicht – ich löste mich einfach aus diesem Ort, der für mich nichts mehr bedeutete außer Schmerz und Scheitern.

Wenig später saß ich im Behandlungszimmer meines Hausarztes. Er sah mich nur an – lange, still – und verstand. Er sah, dass da nichts mehr zu mobilisieren war. Dass ich nicht mehr kämpfte. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht mehr konnte.

Er schrieb mich krank. Drei Wochen, zunächst. Diagnose: psychosomatische Beschwerden in Verbindung mit einer schweren Depression und einer generalisierten Angststörung. Es war ein Satz, der mich nicht überraschte, und der sich dennoch wie ein Urteil anfühlte.

So begann meine Reise. Nicht nach vorn, nicht zurück – sondern abwärts. Hinab in die Finsternis.

Kapitel 2: Am Rande der Leere

Am späten Montagnachmittag, als der Himmel bereits in jenes fahle Grau getaucht war, das nur der Übergang zwischen Tag und Nacht kennt, trat ich endlich durch das letzte Kapitel eines langen Tages. Dort, im Zwielicht der Straße, wartete sie bereits: meine Schwester. Ihre Augen suchten die meinen, als wollten sie etwas finden, das ich selbst längst verloren hatte. Sie sprach nicht sofort, doch ihr Blick war ein stilles Versprechen, mich festzuhalten, wenn ich fiel.

Ich erzählte – zu viele Worte, zu viele Bilder, zu viele Wunden, die noch bluteten. Die Sätze zerbrachen in meiner Kehle, wurden schwer und bitter, und irgendwann trug mich die Stimme nicht mehr. Tränen fanden ihren Weg, ohne dass ich sie rief. Da kamen sie – meine Nichte, mein Neffe. Kleine Arme, unbeholfen in der Geste, aber voller Wärme. Sie umschlossen mich, als wollten sie mich zusammenhalten, obwohl ihre Körper kaum wussten, wie man Schmerz berührt.

Ich lächelte. Oder versuchte es zumindest. Doch was sich auf meinem Gesicht abzeichnete, war kein Ausdruck von Freude – es war ein Schatten dessen, was Lächeln einmal gewesen sein mochte. Eine Maske, notdürftig gezeichnet, damit niemand sehen konnte, was in mir schrie. Ein Zucken der Lippen, das sagte: „Ich bin da“, während alles in mir flüsterte: „Ich weiß nicht, wie lange noch.“

Die Dämmerung kroch wie eine alte Wahrheit über die Felder – langsam, unausweichlich, mit jenem goldenen Glimmen, das Vergänglichkeit nicht verbergen will, sondern sie zur Schau stellt. Das letzte Licht malte Schatten auf die geschlossenen Fensterläden, als wollten sie mir sagen, dass hier schon lange niemand mehr hineingesehen hatte.

Ich trat ein, ohne begrüßt zu werden. Die Tür fiel hinter mir ins Schloss wie ein endgültiges Urteil, und in der Stille, die darauf folgte, lag nichts Tröstliches. Es war die Art von Stille, die nicht leer ist, sondern übervoll – mit allem, was fehlt.

Der Raum roch nach etwas Zurückgelassenem: abgestandener Tee, das Echo von Gesprächen, die nie geführt wurden, und der gärende Atem des Biomülls, der längst hätte hinausgetragen werden sollen. Zeugnisse eines Lebens im Leerlauf. Ich war fremd in meinem eigenen Zuhause, ein Gast in der Hülle meiner Routinen.

Jeder Schritt auf dem Boden schien zu laut. Nicht weil ich ihn tat, sondern weil niemand da war, der ihn hörte. Und so stand ich da, mit der Schwere eines Tages auf den Schultern – und der noch schwereren Erkenntnis, dass die Einsamkeit zu Hause fast mächtiger war als jede Erschöpfung zwischen Besprechungsräumen und E-Mail-Fluten. Es war nicht das Alleinsein, das schmerzte. Es war das Gefühl, dass es niemanden störte.

Die Aktentasche glitt aus meiner Hand wie ein Gewicht, ob wohl sie leer war, trug sie das Gewicht aus all den stummen Stunden, die sich darin angesammelt hatten – Zeugnisse eines Lebens in Tabellenform. Ich ließ mich auf das Sofa sinken, das mich empfing wie ein alter Bekannter, der nichts fragt. Die Polster waren kühl vom Tag, durchzogen vom fahlen Duft nach vergangenem – Erinnerungen an schlaflose Nächte, durchwacht zwischen Aktenstapeln und dem Flackern künstlichen Lichts.

Jetzt war nur noch Dunkelheit um mich. Kein Summen mehr, kein Tastaturklappern, kein Kaffeegeruch aus der Kantine. Nur ich, das Sofa – und das Schweigen. Es war kein freundliches Schweigen. Es war ein Raum, der mir spiegelte, was ich nicht sehen wollte.

Ich blickte zum Fenster. Draußen zogen die Schatten sich über die Gehwege wie alte Narben, lang und tief. Am Himmel zuckten die ersten Sterne auf, als wollten sie mich erinnern: Auch die Nacht hat ein Gedächtnis.

„Alles ist still“, flüsterte ich mir selbst zu, als könnte ich die Wahrheit dadurch kontrollierbar machen. Doch die Stille war trügerisch. Denn in meinem Kopf, da brannte es. Gedanken wogten wie ein Sturm über eine leere See – wild, ziellos, vernichtend. Es war das lauteste Schweigen, das ich je gehört hatte.

Ich bewegte mich wie durch eine zähe Flüssigkeit, schwer, entkörpert, als wäre mein eigenes Dasein nur noch ein schemenhaftes Echo dessen, was einst lebendig war. Ein Zustand der Betäubung hatte Besitz von mir ergriffen – nicht abrupt, nicht dramatisch, sondern schleichend, wie eine Krankheit, die nicht fiebert, sondern leise abstellt, was Menschsein ausmacht.

Meine Gedanken – stumpf wie abgenutzte Messer. Gefühle – als hätte man sie abgeschnitten wie welkendes Geäst. Der Hunger war ein Fremder, die Hoffnung eine Erinnerung aus einem früheren Leben. Auf dem Tisch: der kleine Apfelstrudel, wie ein Relikt aus einer besseren Zeit, unangerührt, gleichgültig geworden.

Stattdessen öffnete ich den Kühlschrank, griff nach der Karaffe mit dem eiskalten Wasser. Ich trank gierig, als könnte ich die innere Glut löschen, die mich nicht wärmte, sondern verbrannte. Doch das Wasser kühlte nur meine Zunge, nicht mein Herz. Nicht das Feuer, das in meinem Inneren loderte – ein Feuer aus Fragen, Schuld, Widerstand.

Ein Kampf tobte in meinem Kopf – ein unheiliger Krieg zwischen Sein, Werden und dem, was war. Immer wieder flackerten Gedanken auf wie elektrische Entladungen: „Hätte ich etwas anders machen können? Hätte ich etwas sagen müssen, etwas verschweigen, irgendetwas tun, um nicht hier zu landen, in diesem Niemandsland?“

Aber die Antwort, die zurückkam, war immer dieselbe. Eine Stimme, leise und unbeirrbar, ein Flüstern wie aus der Tiefe: Nein. Nein – nicht ohne mich selbst zu verraten.
Nicht ohne jene leisen Ideale zu opfern, die wie alte Wurzeln in mir schlummerten – unbequem, aber wahr. Und so stand ich da, gefangen zwischen Ehrlichkeit und Schmerz, mit einer trockenen Kehle und brennender Seele, und wusste: Dieses Leben - diese Situation war der Preis für meine Aufrichtigkeit.

Meine Finger umklammerten das Glas noch immer, als hinge mein Halt an seiner Kühle, seinem klaren Gewicht. Der Atem entwich mir langsam, wie Rauch aus einem längst erloschenen Feuer. Und dann, kaum hörbar, begannen die Worte über meine Lippen zu gleiten – nicht laut, nicht beschwörend, sondern wie das Erinnern an einen alten Zauber, den man sich selbst beigebracht hat, um nicht zu zerbrechen:

„Mein Schmerz – gehört dem Göttlichen.
Er ist wie Luft – er kommt, er geht.
Er ist wie Wasser – er fließt, er formt.
Ich lasse ihn los.
Denn ich bin frei.“


Jede Silbe: ein Kieselstein, den ich in den Strom meiner Gedanken warf. Nicht weil ich glaubte, erhört zu werden, nicht weil irgendeine Gottheit mir die Hand reichen würde – sondern weil diese Sätze ein Netz spannten über das Chaos in mir.

Sie waren nicht Trost, aber Struktur. Kein Trost, kein Versprechen, nur Form. Und Form war das Einzige, was ich in jenem Moment greifen konnte. Sie gaben meinem Schmerz einen Namen, eine Gestalt – machten aus dem formlosen Dröhnen ein leiseres Rauschen. Kein Frieden, doch eine Pause. Kein Ende, aber ein Ort zum Atmen. Und das genügte. Für jetzt.

Als ich schließlich die Augen schloss, war mein Körper längst zu einem leeren Gehäuse geworden – ein Gefäß, das nur noch durch das Echo meines Mantras zusammengehalten wurde. Ich lag starr auf der Couch, als hätte ich mich selbst konserviert, eingefroren zwischen Atmung und Vergessen. Die Tabletten, welche mir mein Arzt verschrieben hatte in Händen. Das leise Flüstern der Worte vibrierte noch in meinem Innern, ein schwacher Puls gegen die Leere.

Die Nacht fiel wie ein schwarzer Schleier über mich – nicht als Decke des Trostes, sondern als schwerer Mantel aus Eisen. Sie brachte keine Ruhe, nur Zeit. Endlose Stunden, in denen mein Blick gegen die Dunkelheit starrte, als könne ich sie durchlöchern. Der Schlaf kam nicht, er schlich. Und als er kam, war er kein Verbündeter, sondern ein Trickster – ein schmaler Grat zwischen Wachen und Fallen.

Der Alb war mein einziger Gast. Immer wieder warf er mich an die Oberfläche zurück, getrieben von einem Gefühl, das kein Gesicht hatte. Kein Name, kein Ursprung – nur ein Drängen. Ich wollte schreien. Ich wollte weinen. Ich wollte, dass etwas durch mich hindurchbrach, egal was. Doch da war nichts. Kein Schmerz. Kein Trost. Nur das stumpfe Vakuum einer Seele im Stillstand.

Irgendwann, unmerklich, löste sich der Schlaf von mir, wie Nebel, der sich im ersten Licht verzieht. Kein Erwachen. Kein Neubeginn. Nur der nächste Tag. Und ich – ein Fragment, das den Morgen betrachtete, als sei er die Wiederholung eines längst geschehenen Irrtums.

Als ich die Augen öffnete, war der Tag bereits alt, obwohl er gerade erst begonnen hatte. Die grauen Wände meines Wohnzimmers reflektierten das matte Licht eines zögernden Morgens – ein Licht, das nicht erhellte, sondern nur das Bestehende deutlicher machte: Stillstand. Kein Weckerklingeln, kein Termin, kein Ruf. Ich war freigestellt – krankgeschrieben, wie es im Formular hieß. Doch es war mehr als das. Es war eine Stille in der Struktur selbst, ein Riss im Gewebe meiner geordneten Woche.

Ein Teil von mir wollte sich zurückziehen in diese Dunkelheit, die keine Fragen stellte. Wollte sich darin einrichten wie in einem alten Mantel. Doch ein anderer Teil – jener lästige, unruhige Funke – schob ein dumpfes Unbehagen ins Licht: das Gefühl, dass etwas getan werden müsste. Etwas. Irgendetwas. Nur was, blieb ungesagt.

Ich rieb mir die Augen, stand auf wie durch zähen Nebel und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Alles war unverändert – und genau das war das Erschreckende. Die Zeit hatte ihre Form verloren, war zu einem grauen Brei aus Wiederholung und Sinnlosigkeit zerlaufen.

In der Küche: der halbleere Pappbecher vom letzten Tag, die Krümel, Zeugen eines einsamen Frühstücks. Auf dem Tisch drei ungeöffnete Briefe, deren Kanten wie Zähne wirkten. Ich wich ihrem Blick aus.

Mein Alltag war zu einer Kruste geronnen – trocken, rissig, widerständig. Jede Bewegung darin fühlte sich an, als würde ich auf altem Wundgewebe laufen: schmerzhaft, langsam, brüchig. Ich zwang mich, funktionale Rituale aufrechtzuerhalten. Schrieb Bewerbungen, als würde ich Nachrufe auf ein verlorenes Selbst verfassen. Lebensläufe wie Sterbeurkunden der eigenen Würde – nüchtern, distanziert, ohne das, was einst inneres Feuer gewesen war.

Die Gespräche, die ich führte, klangen wie liturgische Formeln in einer entweihten Kapelle. Ich sprach in Rollen, die mir nicht mehr gehörten, bewegte Lippen ohne Stimme, Worte ohne Glauben. Niemand fragte nach dem, was ich wirklich meinte – und ich wusste selbst nicht mehr, wie ich es hätte sagen sollen.

So verstrich Woche um Woche. Nicht wie Wasser, das fließt – sondern wie Sand, der durch die Finger rinnt und eine wüste Leere hinterlässt. Und während die Zeit an mir vorüberzog, verkümmerte meine Hoffnung. Sie wurde krank. Sie verlor die Farbe. Und irgendwann erkannte ich sie kaum wieder – nur noch ein blasses, scheues Flackern dort, wo einst ein Leuchten war.

Den tief in mir wusste ich: Es war nicht mein Beruf, den ich verloren hatte – es war meine Berufung. Und was zurückblieb, war ein Vakuum, das sich nicht mit Formularen füllen ließ. Nur mit Mut. Oder Wahnsinn. Vielleicht beides.

Ich trat ans Fenster, wie man an ein Grab tritt – nicht um etwas zu sehen, sondern um etwas zu spüren. Draußen war alles so ruhig wie eh und je. Die Welt drehte sich unbeirrt, gleichgültig in ihrer Routine. Ein Nachbar kehrte gewissenhaft die Straße, das rhythmische Schaben seines Besens wie das Pendel einer Uhr, die nichts von mir wusste. In der Ferne ein Kinderlachen, hell und fern, wie aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben.

Alles ging weiter. Alles bewegte sich. Nur ich stand still.

Ein Gedanke stieg in mir auf – so leise, dass er kaum mehr war als ein Zittern im Innersten: Würde es jemand bemerken, wenn ich plötzlich verschwände? Würde die Stille lauter werden, würde jemand stocken, innehalten, spüren, dass etwas – jemand – fehlt? Würden meine Schmerzen endlich erlöschen, wenn ich mich selbst aus der Gleichung nahm?

Die Antwort kam nicht in Worten. Sie war eine Leere, ein Echo, das zu laut war, um es zu ertragen.

Ich ließ den Gedanken zu – nur einen Hauch lang, eine Berührung, zart wie eine fremde Hand auf meiner Schulter. Und plötzlich war da ein Friede, der mich erschreckte. So still. So verlockend. Ein Versprechen von Ende. Von Ruhe.

Doch noch bevor sich dieser Friede in mir einnisten konnte, bäumte sich in mir etwas auf – roh, archaisch, schmerzhaft lebendig. Eine Stimme, nicht von außen, nicht von oben, sondern aus dem tiefsten, widerspenstigsten Kern meines Seins:


„Ich verbiete es!
Solange auch nur ein einziger Mensch traurig wäre,
wenn du stirbst,
solange eine Träne um dich geweint,
ein Gedanke an dich gedacht

solange gestatte ich es nicht.
Nicht dir. Nicht der Welt.
Deine Existenz ist kein Irrtum.
Dein Schmerz ist kein Freibrief für das Verschwinden.“


Und da war es – keine Hoffnung, kein Licht. Aber Widerstand. Leben, das sich wehrt. Und das war genug. Noch.

Zurück an meinem Schreibtisch rang ich mir eine Art Haltung ab, eine Maske der Funktionsfähigkeit, zusammengesetzt aus Resten von Pflichtgefühl und Müdigkeit. Der Bildschirm erwachte zum Leben, flackerte in sinnlosen Bewegungen – Bildschirmschoner, Schleifen des Leerlaufs, Spiegel meines Zustands.

Der Cursor blinkte. Das Postfach öffnete sich. Betreffzeilen rollten in geordneter Belanglosigkeit über den Monitor: „Bewerbung“, „Nachricht“, „Newsletter“. Worte wie ferne Planeten – sichtbar, aber unerreichbar. Kein Ziel, kein Impuls, kein Weg. Nur kalte Kommunikation, die mich nicht berührte. Ich atmete aus, als müsste ich dadurch das Nichts in mir bändigen.

Mein Blick streifte das alte Foto neben der Tastatur – lange unbeachtet, unscheinbar. Die Ecken gebleicht, das Papier stumpf. Ich nahm es in die Hand, als wäre es zerbrechlich. Zwei Menschen darauf, eng beieinander, ein Lächeln zwischen ihnen – oder war es Trauer im Übergang? Vielleicht beides.

Und plötzlich war da etwas. Ein stilles Wissen: Ich war nicht immer leer. Irgendwo in der Vergangenheit lagen Stimmen, Hände, Augen, die mich kannten. Die meinen Namen sagten, nicht aus Pflicht, sondern aus Verbindung. Und wenn ich jetzt einfach verschwände – dann würden sie etwas verlieren. Vielleicht nicht laut. Vielleicht nicht sichtbar. Aber etwas würde fehlen.

Ich berührte das Foto mit den Fingerspitzen. Die Oberfläche war kühl, aber sie trug Wärme. Und dieser eine Gedanke, dieser schlichte, schwere Gedanke war alles, was mich noch hielt: Nicht der Schmerz war der Grund zu bleiben – sondern die Erinnerung, dass ich einmal bedeutete. Und dass ich es vielleicht, irgendwann, wieder könnte.

Kapitel 3: Verlorene Tage 

Wieder vergingen Tage. Oder waren es schon Wochen? Die Zeit hatte ihre Zahlen verloren, ihre Kanten, ihre Stimme. Sie floss nicht – sie schob sich, schwer und träge, an mir vorbei wie dichte Nebelwände, durch die ich tastete, ohne etwas zu berühren. Ich war nicht Teil dieser Tage. Ich war ihr Schatten, ihr Rand.

Wenn es sich vermeiden ließ, verließ ich die Wohnung nicht. Zu groß war die Angst – nicht vor der Welt selbst, sondern vor den Begegnungen, die mich an mein Vorher erinnern würden. Ein ehemaliger Kollege mit zu langem Blick. Eine Klientin mit zu vielen Fragen in den Augen. Ich wusste, dass ich den Blicken nicht standhalten würde.

Ich existierte, ja – aber das Leben hatte mich längst verlassen. Was blieb, war ein Zustand zwischen den Zuständen. Ein Graufeld, ein Ort jenseits der Koordinaten. Die Zeit hatte ihre Ordnung verloren, und ich war ihr gefangener Zeuge.

Der Wecker, stillgestellt wie ein verstummtes Herz, rührte sich nicht. Und doch – mein Körper wachte. Pünktlich. Als hätte er ein Echo einprogrammiert bekommen, das ihn zu denselben Uhrzeiten hob. Nicht aus Pflicht. Nicht aus Hoffnung. Nur aus Angst. Angst, dass völliger Stillstand den letzten Faden reißen würde. Ich hielt mich an dieser mechanischen Regung fest wie ein Schiffbrüchiger an einem Brett im aufgewühlten Meer. Nicht um voranzukommen – nur um nicht unterzugehen.

Ich erhob mich mechanisch, bewegte mich durch Räume, die sich fremd anfühlten. Die Wohnung war noch dieselbe, aber ich war nicht mehr der, der sie einst bewohnt hatte. Mein Blick streifte die Möbel, die Wände, den Boden – alles war durchdrungen von einer stummen Gleichgültigkeit. Ich war ein Besucher geworden. Ein Gast im eigenen Leben. Und der Gastgeber war längst fort.

Der Kühlschrank summte, eine monotone Erinnerung daran, dass Dinge weiterliefen, auch wenn ich stand. Ich lehnte mich an den Türrahmen, spürte das kalte Holz in meinem Rücken, und versuchte, etwas zu denken, das mir Halt geben konnte. Doch die Gedanken waren träge, verwaschen, unfähig, eine Richtung zu finden. Es war, als würde mein Geist über eine leere Seite gleiten, auf der einst eine Geschichte stand. Und ich fragte mich, ob sie je zurückkehren würde.


Am späten Vormittag türmten sich keine Aufgaben auf meinem Schreibtisch – nur Erinnerungen. Ordner, Papiere, kleine Zettel mit Notizen aus einer Zeit, als meine Tage noch eine Richtung kannten. Der Monitor flackerte träge, ein mechanisches Auge, das mich aufforderte, etwas zu tun. Ich gehorchte aus Gewohnheit, nicht aus Überzeugung. Der Browser öffnete sich. Stepstone, Xing, LinkedIn – ein heiliger Dreiklang der Hoffnungslosigkeit.

Ich scrollte durch die Angebote wie durch alte Bekanntschaften, die man nicht mehr grüßen möchte. Alles klang gleich: Kompetenz, Belastbarkeit, Teamgeist. Worte, die mich früher aufrichteten, jetzt aber nur wie Hohn in meinen Ohren klangen. Ich hatte unzählige Bewerbungen geschrieben. Seiten gefüllt mit meiner Geschichte, meinem Bemühen, meiner Fähigkeit, mich zu präsentieren. Und was blieb? Leere. Der schale Nachgeschmack von Warteschleifen und Standardabsagen.

Ich starrte auf eine neue Eingabemaske – Name, Anschreiben, Lebenslauf. Statt zu tippen, ließ ich die Hände sinken. Kein Wort wollte durch mich hindurch. Keine Motivation, keine Energie für ein weiteres Bewerbungstheater mit der Aussicht, wieder einmal höflich aussortiert zu werden.

Ich lehnte mich zurück. Meine Augen wanderten über den Schreibtisch. Die feine Staubschicht darauf war ein stilles Protokoll meiner Abwesenheit. Sie zeichnete die Umrisse von Dingen nach, die ich lange nicht mehr berührt hatte – Tassenränder, Stiftkappen, das eingerahmte Zitat an der Wand.

Kopfschmerzen kamen, wie ein Nachhall innerer Überforderung. Dann wieder Schwindel – als schwanke der Boden unter mir, obwohl ich saß. Ich schloss die Augen. Nicht, um zu schlafen. Sondern um für einen Moment der Tatsache zu entkommen, dass selbst Hoffnung jetzt wie Arbeit schmerzte.

Draußen sprach der beginnende Sommer in brennenden Zischlauten. Die Welt wirkte müde unter der Last der Hitze – das Gras schon blass, hart wie getrocknetes Papier, ausgebleicht vom gnadenlosen Licht. Selbst die Natur schien in eine fiebrige Starre gefallen zu sein. Nur das leise Flattern der überhitzten Blätter drang durch das offene Fenster – wie das Flüstern einer Welt, die keinen Trost kannte.

Ich lehnte mich an den Fensterrand und ließ den Blick hinausgleiten. Auf dem schmalen Rasenstreifen unterhalb meines Fensters huschte ein Eichhörnchen entlang, unruhig, fokussiert, getrieben von einem uralten Instinkt. Es sammelte Nüsse – aus Reflex, nicht aus Bewusstsein. Ein mechanisches Leben: sammeln, verstecken, überleben.

Es war darin eine beinahe grausame Reinheit. Das Tier würde keinen Schmerz empfinden, keinen Verlust, wenn es einen Tag im Schatten bliebe. Kein Gedanke an Versagen, kein Blick in den Spiegel mit der Frage, ob man noch „genug“ war. Nur das Tun. Und das Dasein.

Ein Frösteln durchlief mich – unpassend in dieser stickigen Luft. Der Gedanke nagte: Konnte auch mein Leben so vergehen? Ein Tag nach dem anderen, unbemerkt, bedeutungslos, ohne dass jemand innehielt, wenn ich fehlte? Ein Laut, eine Geste, ein Abdruck, der keine Spuren hinterließ.

Ich atmete flach, fast unmerklich, als würde selbst das Leben durch mich hindurchgehen, ohne zu verweilen. Und irgendwo in mir entstand ein stilles Beben – nicht aus Angst, sondern aus der verzweifelten Sehnsucht, gesehen zu werden. Irgendwie. Von irgendwem.

In einem flüchtigen Moment, der sich anfühlte wie ein klares Atemholen nach Tagen unter Wasser, entschied ich mich, Kontakt zu einem alten Freund zu suchen. Kein großer Plan – nur der leise Drang, mich irgendwo festzuhalten, wo Erinnerung und Nähe noch existieren könnten.

Mein Daumen schwebte über dem Bildschirm. Sein Profilbild erschien – ein Gesicht aus einer anderen Zeit, vertraut, aber fern wie ein Ort, den man nur noch aus Träumen kennt. Ich begann zu tippen. „Hey, wie geht es dir?“ – zu leer. Löschen. „Ich vermisse dich.“ – zu viel. Löschen.

Stattdessen blieb die Tastatur stumm, mein Bildschirm unberührt. Zwischen all den Worten, die ich hätte schreiben können, herrschte ein Schweigen, das schwerer wog als jede Nachricht. Denn wie sollte ich erklären, dass meine Gedanken in mir zerfielen wie Glas, dass jeder Satz in meinem Kopf brach, noch bevor er geboren war?

Ich schaltete den Computer aus, langsam, als schlösse ich eine Tür zu einer Welt, die ich nicht mehr betreten konnte. Und dann hörte ich es – mein eigenes Herz, laut, einsam, unbeirrbar. Ein dumpfes Pochen gegen den inneren Nebel, ein Echo der Tatsache, dass ich noch da war. Noch. Und dass diese Einsamkeit nicht nur außerhalb lag – sondern auch in mir wohnte, wie ein zu lang geduldeter Gast.

Gelegentlich begann ich, mich dem dunklen Kern der Frage zu nähern, die man in helleren Tagen mit philosophischem Abstand verhandelt: Wozu das alles? Die Sinnfrage, groß und abstrakt, war in mir zu einer klaffenden Wunde geworden. Ich blätterte in Gedanken durch die Seiten Viktor Frankls – „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ –, doch die Worte klangen hohl, schal, wie religiöse Gesänge.

Es gab keinen „höheren Zweck“. Nicht für mich. Kein Licht am Ende, kein Sinn im Schmerz. Leben war das, was blieb: eine Abfolge elektrochemischer Prozesse, zufälliger Begegnungen, zerfallender Verbindungen. Keine kosmische Ordnung, kein übergeordnetes Narrativ. Nur Reaktion. Nur Kontakt, der kam und ging – und irgendwann ausblieb.

Ich fragte mich manchmal, nüchtern und ohne Drama, ob ich es wert war, weiterzumachen. Nicht wegen Schuld oder Hoffnung – sondern einfach aus der nüchternen Überlegung heraus, ob ein leeres Gefäß noch getragen werden muss.

Die Beziehungen, die mir einst Halt gaben, waren durch die Arbeit definiert gewesen: Kolleg:innen, Klient:innen, Gespräche in Kontexten. Nähe unter institutionellen Bedingungen. Jetzt, da der Beruf nicht mehr war, waren auch sie verschwunden – wie Lichter, die mit dem Stromkreis abgeschaltet wurden.

Und ich saß im Dunkeln. Nicht weil niemand da war – sondern weil ich niemanden mehr erreichen konnte. Oder wollte. Vielleicht war das der eigentliche Verlust: Nicht das Fehlen der anderen, sondern das Verstummen meiner eigenen Stimme im Dialog.

Wenn der Druck in mir anschwoll wie eine Flut ohne Ufer, setzte ich mich auf den Balkon – mein letzter Rückzugsort, meine kleine Schwelle zwischen Innen und Außen. Dort, unter dem weiten Himmel, versuchte ich zu atmen, als hinge mein Leben am Rhythmus meines Brustkorbs. Die Augen geschlossen, das Zittern in den Fingern spürbar, tastete ich nach einem Halt, den mein Körper mir nicht geben konnte.

Ich atmete ein.
Ich atmete aus.
Langsam, zählend, als könne ich die Schwere mit jedem Ausstoß hinauspressen wie giftige Dämpfe aus einer überfüllten Lunge. Für einen winzigen Moment nach jedem Atemzug schien die Leere zu schrumpfen – nicht zu verschwinden, aber sich zu falten, zu weichen, als wiche sie dem Klang eines uralten Gebets.

Dann berührte ich wieder die Worte, die in mir eingebrannt waren wie ein unterirdisches Lied:
„Mein Schmerz gehört dem Göttlichen...“
Ich flüsterte es. Nicht, weil ich glaubte. Sondern weil ich musste.
Die Worte fielen aus meinem Mund wie Steine in einen stillen See. Sie lösten keine Wellen aus, aber sie ließen mich nicht sinken. Ich sprach weiter, fast mechanisch, Satz für Satz, bis die Welt leiser wurde. Geräusche verloren ihre Kanten, Gedanken ihre Zähne.

Das Mantra war keine Lösung. Keine Heilung. Es war ein Knoten in einem Seil, das mich davon abhielt, in den Abgrund zu gleiten. Ein Leuchtturm, schwach beleuchtet, aber gerade hell genug, um das völlige Dunkel zu verhindern.

Und die Einsamkeit? Sie war nicht länger ein Zustand. Sie war eine Präsenz geworden. Sie ging mit mir durch jeden Raum, saß an meinem Bett, trank aus meiner Tasse. Jeden Tag spürte ich ihr Gewicht stärker – wie einen Stein in der Brust, den niemand sah.

Meine Welt schrumpfte: Bett, Stuhl, Tisch, Schlaf. Dazwischen Zeit, notiert auf einem zerknitterten Kalenderblatt. 1. 2. 3. Tage ohne Namen, ohne Inhalt. Ein bloßes Zählen.

So verging das Leben nicht – es blieb. Es stand. Und ich inmitten davon, ein Gefäß, einst gefüllt mit Geschichten, jetzt leer, durchsichtig, ziellos – gleitend durch eine Welt, die mir keine Antworten gab. Nur Fragen. Und Stille.

Kapitel 4: Graue Stunden

Es war ein später Morgen, Ende Juni, und doch fühlte sich alles an, als hätte die Nacht nicht geendet. Ich schlug die Augen auf – irgendwann gegen 16 Uhr – und versuchte, mich zu erinnern, wann ich sie geschlossen hatte. 20 Uhr vielleicht? Früh. Zu früh für einen gesunden Rhythmus. Zu spät für eine bewusste Entscheidung.

Aber hatte ich wirklich geschlafen? Oder nur geträumt, dass ich geschlafen hätte? Meine Gedanken zogen weite Kreise, müde Spiralen ohne Zentrum. Alles war weichgezeichnet, wie durch eine beschlagene Fensterscheibe gesehen.

Das neue Medikament – stärker, wirkungsvoller, angeblich – hatte seinen Dienst angetreten. Doch mit ihm kam nicht die Ruhe, sondern der Nebel. Es zog über mein Bewusstsein wie Dunst über ein abgeerntetes Feld. Ja, ich versank – aber nicht in Schlaf. Eher in einen Zwischenraum, in dem Zeit kein Maß mehr war und mein Körper sich bewegte, ohne dass ich anwesend war.

Es sollte mir helfen. Einschlafhilfe, sagten sie. Stabilisierung, sagten sie.
Aber was, wenn es mich nur auslöschte – nicht tief genug für Vergessen, nicht klar genug für Gegenwart?

Ich lag still und spürte die Stille. Nicht die heilsame. Sondern die, in der man sich selbst nicht mehr orten kann. Und ich fragte mich: Wenn der Schlaf kein Ort der Erholung ist – was bleibt dann noch zur Flucht?
 

Das Licht des beginnenden Abends legte sich wie ein matter Schleier auf die Wände meines Zimmers – grau, verhalten, beinahe schon erschöpft. Doch in mir herrschte Dunkelheit. Keine, die mit der Nacht kam, sondern eine, die sich tief eingenistet hatte, unterhalb der Sprache, unterhalb der Erklärung. 

Ich saß am Küchentisch, vor mir eine Tasse Tee, längst erkaltet, doch ich starrte hinein, als könnte mir der abgestandene Trunk einen Trost anbieten, den ich anderswo nicht mehr fand. Tage wie dieser verflossen nicht – sie zerfielen. Und das einzige, was blieb, war das Gefühl, dass selbst die Zeit sich gegen mich verschworen hatte. 

Meine Augen waren schwer, müde von all dem, was sie nicht mehr sehen wollten. Die Lider spannten wie nasser Stoff über einem Gerüst aus Müdigkeit. Es war nicht der Schlaf, der mir fehlte – es war das Aufgehobensein, das Ankommen, das Verschwinden dürfen. 

Ich zwang mich zu kleinen Ritualen des Lebens, als könne ich mich damit zurückrufen aus jenem inneren Nebel, in dem ich mich zunehmend verlor. Das Spülen wurde zu einer stillen Andacht – Handgriffe, in denen früher etwas wie Trost lag. Ich bewegte mich langsam, achtsam, als würde jedes Tellerklirren etwas in mir zusammenhalten. Das Wasser rann über meine Finger, spielte eine leise, fast kindliche Melodie auf dem Porzellan. Doch was einst wie Frieden geklungen hatte, war nun nur ein Laut aus einer Sprache, die ich verlernt hatte.

Ich nahm ein Glas in die Hand, wollte es abtrocknen – ein harmloser, alltäglicher Akt – doch es glitt mir fort, schneller, als ich reagieren konnte. Es zerschellte am Boden in ein Dutzend Splitter, feine Linien aus Glas auf dem Fliesenmuster.

Ich zuckte nicht. Kein Erschrecken, keine Bewegung, die den Reflex verriet, das Unheil abwenden zu wollen. Stattdessen ging ich langsam in die Hocke, als folgte ich einem inneren Befehl. Ich hob die Scherben auf – tastend, fast zärtlich – und bemerkte erst da, dass meine Augen brannten.

Seit Minuten hatten sich Tränen unter meinen Lidern gesammelt, wartend, unbeweint. Sie tropften nicht. Sie lagen dort nur – wie Salz in einem Glas.

Mein Blick verschwamm. Das Sichtfeld flimmerte, als hätte jemand Licht durch Nebel geworfen. Ein Schwindel kroch in mir auf, unvermittelt, heftig. Kein Fremder – ein alter Begleiter. Ein grelles Ziehen hinter der Stirn, das mich erinnerte, wie es war, am Rand zu stehen. Zu taumeln, ohne zu fallen.

Und wieder fragte ich mich, ob es wirklich nur das Glas war, das zerbrach.

Und in diesem Moment wurde mir bewusst, wie gefährlich das Vertraute werden kann – wenn selbst der Schmerz zu einer Gewohnheit wird, in der man sich verliert. 


Später am Tag, mit dem Widerstand eines Körpers, der sich weigert, in die Welt zurückzukehren, ließ ich mich zu einem Spaziergang überreden. Um ehrlich zu sein – es war kein freier Entschluss. Meine Schwester zwang mich, mit ihr auf das Dorffest zu gehen. Ein gut gemeinter Versuch, mich ins Leben zurückzuzerren, der sich für mich anfühlte wie ein Ausgesetztwerden im grellen Licht.

Mit jedem Schritt, den ich über die glühende Straße setzte, wuchs in mir eine stille Panik. Was, wenn ich jemandem begegnete? Ein ehemaliger Kollege, eine Klientin, ein Mensch mit Erinnerung in den Augen. Jemand, der noch wusste, wer ich einmal war.

Die Junihitze hing schwer auf dem Land. Der Asphalt glänzte schwarz, als würde er das Licht verschlucken, nicht reflektieren. Ich ging, Schritt für Schritt, nicht weil ich wollte, sondern weil ich mich nicht wehren konnte. Zwischen den Feldern bewegten sich Menschen – langsam, plaudernd, mit Eis in der Hand oder Kinderwagen vor sich her schiebend. Hunde zogen an ihren Leinen, voller Leben.

Ich war ein Fremdkörper. Kein Teil dieser Welt, sondern ein Schatten, der sich unter die Lebenden mischte. Der Vogelgesang aus den Bäumen über mir klang nicht wie Musik, sondern wie ein Mahnruf. Fast schien es, als riefen sie mir zu: „Das Leben geht weiter. Aber deines nicht.“

Ich senkte den Blick. Der Gedanke war so klar, so schneidend, dass ich für einen Moment stillstand. Mein Atem stockte. Eine Lücke im Rhythmus, als müsse ich mich erst vergewissern, dass ich überhaupt noch atmete. Und während die Stimmen um mich fröhlich waren, war ich nur: anwesend. Und nicht da.

Am Zielpunkt meines unfreiwilligen Ausflugs – einem kleinen Platz am Rande des Waldes, halb Natur, halb Inszenierung – ließ ich mich nieder. Der Boden unter mir war warm von der Sonne des Tages, doch ich fror innerlich. Mein Körper fühlte sich benommen an, schwebend und schwer zugleich, als sei er nur lose mit mir verbunden.

Rings um mich nahm die Welt klarere Konturen an, als hätte sie beschlossen, mir ihr Gegenteil vorzuhalten. Kinder rannten kreischend zwischen Bierbänken, Erwachsene hielten Plastikbecher in der Hand, Pommesduft legte sich fett über die warme Luft. Lachen, Musikfetzen, das Rufen eines Verkäufers – alles pulsierte. Die Realität schien fest, greifbar, ja fast aufdringlich.

Ich hingegen war kaum da. Inmitten der Lebenden war ich nicht mehr als ein schwacher Abdruck, unauffällig, durchscheinend. Noch nicht einmal ein Schatten – nur das Fehlen eines Lichts, das mich je klar umrissen hätte. Ich saß da, sah ohne zu sehen, hörte ohne zu verstehen.

In mir regte sich die Frage: Dachten sie noch an mich, die Menschen von früher? Die, die einst meinen Namen kannten, mein Lachen, mein Blickfeld. Nahm irgendjemand noch meine Existenz wahr – nicht faktisch, sondern innerlich?

Und da, wie aus einem vergessenen Raum meines Geistes, kehrte es zurück: das Mantra. Leise. Tastend. Wie ein Kind, das heimlich wiederkommt:
„Mein Schmerz gehört dem Göttlichen…“

Ich sprach es nicht laut. Ich dachte es nicht einmal vollständig. Es war nur da, schwebend im Hintergrund meines Bewusstseins, wie der erste Stern in einem Himmel, der sich weigert, ganz dunkel zu werden. Ein Fragment von etwas, das vielleicht nie Wahrheit war, aber Trost. Und Trost, so unvollkommen er auch sein mag, ist manchmal alles, was bleibt.

Die Schatten des Bierzeltes fielen wie ausgezehrte Glieder über meine Knie – lang, schmal, fremd. Ich saß da, wie versteinert, und doch regte sich etwas in mir. Ganz langsam, als müsste ich mir selbst das Recht erkämpfen, begann ich, das Mantra in Gedanken zu vervollständigen:
„…gehört dem Göttlichen.“

Die Worte schienen nicht aus mir zu kommen, sondern durch mich zu fließen. Ich murmelte sie leise, kaum hörbar, als wären sie brüchige Erinnerungen an einen inneren Vertrag. Automatismus? Vielleicht. Doch ich hatte diesem Mantra eine Bedeutung zugeschrieben – nicht als Wahrheit, sondern als Versprechen. Es war mein Mittel, nicht vollständig zu versinken, ein dünner Draht gegen das Erschlaffen des Willens.

Keine Erleuchtung, kein Glanzmoment, keine stabile Zuversicht – nur dieser stille Widerstand gegen das Aufgeben. Die Welt um mich drehte sich weiter, betäubt in Normalität. Stimmen, Lachen, Bewegung – alles funktionierte ohne mich. Ich war das Standbild in einer Szene voller Dynamik.

Ich blieb sitzen. Wartete. Beobachtete, wie die Sonne sich langsam dem Horizont näherte – nicht als Symbol, sondern als Uhrzeiger eines Tages, der zu viel gewesen war. Ich hob den Kopf, und dann geschah es.

Aus dem Nichts – diese Stimme.
Freundlich. Mitleidig.
„Nikola, hallo Nikola! Wie geht es dir? Hast du schon eine neue Stelle?“

Die Worte trafen mich wie ein Schlag in den Magen. Kalt. Entwaffnend und absolut Ehrlich. Mein Brustkorb zog sich zusammen, die Luft verschwand, mein Herz begann zu hämmern wie ein verzweifelter Ruf von innen. Eine Angstattacke, unmittelbar, erbarmungslos.

Ich wandte mich, versuchte zu antworten – höflich, kontrolliert, funktional:
„Leider nicht besser, nein… leider noch nicht.“

Meine Stimme war da, aber sie war nicht meine.
In meinen Augen stauten sich Tränen, die ich nicht eingeladen hatte. Meine Schwester neben mir spürte es – ihre Hand war plötzlich da, fest, schweigend. Und auch Stefanie, die Fragende, schien zu merken, dass sie in etwas hineingetreten war, das sie nicht verstand. Ihre Worte versiegten schnell, sie verabschiedete sich mit jenen aufgesetzten Gesten, die man benutzt, wenn man keine Worte hat.

Ich drehte mich weg. Griff nach der Hand meiner Schwester. Drückte zu. Stark.
Und dann kam es.

Die Trauer.
Der Frust.
Die Demütigung.
Das Zerfallen von allem, was mich einmal getragen hatte.

Ein Laut entkam mir – kein Wort, nur das Echo eines Schluchzens:
„Fuck.“ Die Tränen begannen meiner Kontrolle zu entkommen.

Ich kämpfte, mich zu beherrschen, bis ich die Schatten des Festes hinter mir ließ.
Und ich wusste: Dieser Moment war der tiefste Bruch. Nicht, weil er laut war.
Sondern weil er mich endgültig spüren ließ, wie weit ich gefallen war –
und dass ich es dennoch überlebt hatte.

Zuhause war alles unverändert. Die Dinge warteten dort, wo ich sie verlassen hatte – stumm, unbewegt, als hätten sie meine Abwesenheit nicht bemerkt. Auf dem Glas des Spiegels im Flur hatte sich eine feine Staubschicht abgelegt, wie eine leise Chronik des Stillstands. Ich trat näher, betrachtete mich, als sähe ich zum ersten Mal den Menschen, der dort zurückschaute: ein schmales Gesicht, eingefallene Wangen, Augen, umrandet von Dunkelheit – das Echo von Nächten ohne Trost.

Ein Bild stieg in mir auf, grell und schmerzhaft: ich selbst, irgendwo in der Vergangenheit, lachend, lebendig, unbeschwert. Die Erinnerung war so klar, dass sie wie ein Hohn wirkte. Wer war diese Person? Und noch quälender: Wo ist sie geblieben?

Meine Knie gaben nach. Nicht abrupt, sondern langsam, weich, wie ein Nachgeben vor einer zu langen Anspannung. Ich drehte mich um, ging schweigend ins Schlafzimmer. Kein Widerstand, keine Abwehr. Im Bett schließlich – die Decke über mir, aber kein Schutz – ließ ich zu, was sich schon den ganzen Tag über angestaut hatte. Die Tränen kamen. Nicht wild, nicht laut, sondern wie ein stiller Strom, ungehindert, notwendig.

Und dann war er da – der Gedanke. Er kam nicht wie ein Fremder, sondern wie ein alter Bekannter, dem man die Tür nicht ganz schließen konnte:
Wenn ich jetzt einfach aufhöre.
Eine Überdosis.
Ein Strick.
Eine Klinge.
Und es ist vorbei – der Schmerz, die Angst, das Taumeln zwischen Bedeutungslosigkeit und Scham.
Dann bin ich frei.

Doch aus der Tiefe meiner Seele, wie aus einem Abgrund, der sich weigerte, mich ganz zu verschlingen, erhob sich wieder jene Stimme – nicht weich, nicht tröstlich, sondern wie ein Befehl aus dem Innersten:

"Ich verbiete es!
Solange auch nur ein einziger Mensch traurig wäre,
wenn du stirbst,
solange eine Träne um dich geweint,
ein Gedanke an dich gedacht –
solange gestatte ich es nicht.
Nicht dir. Nicht der Welt!
Dein Schmerz ist kein Freibrief für das Verschwinden.
Deine Angst keine Rechtfertigung.“


Und ich lag da. Atem flach. Puls hoch. Das Herz ein schlagendes Nein gegen den letzten Gedanken.

In dieser Nacht – wie in so vielen davor, wie in so vielen, die noch kommen sollten – war ich dem Abgrund nah. Ich hatte über ihn geblickt, ihn atmen gespürt. Doch ich war zurückgekehrt. Nicht gerettet. Aber zurück. Und manchmal, in Nächten wie dieser, war allein das Überleben ein stiller Sieg.