Es gibt Orte, an denen Worte anders klingen. Orte, an denen Gedanken nicht durch Bildschirme flimmern, sondern sich wie Nebel zwischen den Zweigen sammeln, langsam, tastend, leise. Für mich ist der Wald einer dieser Orte.
Diese Woche habe ich mir bewusst Zeit genommen. Kein Handy. Kein Manuskript. Nur ein Notizbuch, ein Stift – und Bäume. Alte Buchen, knorrige Eichen, junge Birken mit ihren zarten weißen Rinden. Ich habe mich mitten hinein gesetzt, zwischen Wurzeln und weiches Moos, und einfach geschrieben.
Nicht für ein Projekt. Nicht für Marketing. Nur für mich.
Oder besser gesagt: für das, was in mir sonst zu leise bleibt.
Das Schreiben draußen verändert etwas. Die Luft ist anders. Sie riecht nach feuchter Erde, nach Wind, nach Leben. Der Atem wird tiefer. Die Gedanken weiten sich, verlieren ihre Schärfe, werden weich, fließend, großzügig. Ich musste nicht nach Worten suchen – sie kamen. Oder sie kamen nicht. Und beides war in Ordnung.Ich habe gemerkt: Manchmal brauchen Sätze keine vier Wände, keine Tasten, kein Ziel. Sie brauchen Weite. Stille. Ein anderes Tempo.
Der Wald urteilt nicht über das, was man schreibt. Er fragt nicht, ob es gut ist. Er fragt nicht, ob es ankommt. Er atmet einfach weiter, während du schreibst. Und vielleicht ist genau das der größte Trost: Dieses Wissen, dass wir Teil von etwas sind, das größer ist als unsere Geschichten.
Die Bäume waren schon da, bevor ich schrieb. Sie werden da sein, wenn meine Bücher vergessen sind.
Das zu spüren, erdet mich. Es nimmt den Druck heraus. Es erinnert mich daran, warum ich überhaupt angefangen habe, zu erzählen.
Weil Worte verbinden.
Weil Schreiben ein Teil von Atmen ist.
Weil Geschichten Brücken schlagen – zwischen Menschen, Zeiten, Welten.
Vielleicht braucht es dafür manchmal nur ein Blatt Papier und den Wind, der darüber streicht.
Zum Abschluss der Woche möchte ich euch noch mit auf dem Weg geben was ich aus der stille des Waldes mitbringen durfte:
Im Schatten der Bäume
vergisst sich die Zeit.
Die Luft schmeckt nach Moos,
die Gedanken werden weit.
Zwischen Wurzeln und Ästen
liegt ein flüsterndes Band.
Alte Geschichten
schlafen im Sand.
Das Licht tanzt in Fetzen
auf Blatt und auf Haut,
und das, was ich suche,
wird plötzlich vertraut.
Die Stille spricht leiser
als Worte es tun,
und mitten im Schreiben
lerne ich ruhn.
Der Wald hält mich fest,
nicht eng, sondern weit –
und lehrt mich Geduld
in der Sprache der Zeit.
Herzlich
Nikola Lysander
16.05.2025