Zwischen Wind und Worten – Ein Freitag in Bremerhaven
Ich war am langen Wochenende in Bremerhaven – jener norddeutschen Hafenstadt, in der sich das Meer mit dem Himmel verschwört und der Wind kein Schweigen duldet. Es war schön dort, auf eine stille, fast unzeitgemäße Art. Erholsam, nicht nur im Körper, sondern in jenem tieferen Sinn, der eher etwas mit Seelenhygiene als mit Wellness zu tun hat. Ich habe viel gesehen, viel gehört.
Und – vielleicht am wichtigsten – Menschen getroffen, die nicht einfach vorbeigingen, sondern blieben.
Am Freitagnachmittag saß ich auf einer Bank am Meer. Allein, doch nicht einsam. Die Möwen schrien, das Wasser bewegte sich, als atmete es. Ich dachte nach, oder vielleicht dachte ich auch gar nicht – ich war einfach nur da. Dann setzte sich eine ältere Dame zu mir. Zunächst schwiegen wir gemeinsam, wie man es tut, wenn man sich noch nicht sicher ist, ob man sich stören will. Schließlich begannen wir zu sprechen – erst belanglos: Sie erzählte von ihren Enkeln, ich sprach von meiner Nichte und meinem Neffen. Ein Austausch von Familiengeschichten, zart wie das Aufwärmen eines Orchesters.
Die Zeit verging. Aus Minuten wurde eine Stunde, aus dem Nachmittag wurde Abend, und der Freitag wurde lang. Dann fiel dieser eine Satz, der sich nicht nur in mein Gedächtnis, sondern in meine Brust gravierte:
„Ich will nicht sterben.“
Es war keine Klage, kein Ruf nach Trost. Es war eine Feststellung – klar, fast sachlich, und dennoch brüchig wie dünnes Glas. Ich war überfordert. Was antwortet man auf das, was jeder Mensch früher oder später denkt, aber kaum jemand sagt?
Und so redeten wir über Gott – ihren Gott, nicht meinen. Über Himmel, Hölle, Schuld und Gnade. Sie sprach von einem Gott, der prüft und richtet; ich hörte zu, stellte Fragen, nicht weil ich wusste, sondern weil ich verstehen wollte. Und vielleicht, weil es manchmal wichtiger ist, einen Raum zu schaffen, in dem ein Mensch seine Angst aussprechen darf, als diese Angst zu zerstreuen.
Der Abend wurde zum Spiegel. In der Fragilität dieser Frau, in ihrer Sehnsucht nach Leben trotz des unausweichlichen Endes, erkannte ich etwas, das mich auch in den Wochen zuvor begleitet hatte. Nicht Angst, sondern eine ungeklärte Hoffnung. Kein Schrecken, sondern ein Aufbegehren gegen das Verstummen.
Bremerhaven hat mir an diesem Wochenende keine Antworten gegeben. Aber es hat mir Fragen geschenkt, die ich nicht mehr missen möchte. Und ein Gespräch, das ich – wie die Spuren im Sand, die der Wind manchmal nicht sofort verweht – mit mir trage.
Herzlichst
Nikola Lysander
(31.05.2025)